17.01.2022
Nachwuchsleistungszentrum

„Ein Gefühl von Heimat“

Vieles im Fußball unterliegt einem stetigen Wandel, doch im Internat hat der pädagogische Leiter Anton Schumacher seit nunmehr knapp zehn Jahren die Zügel in der Hand. Ein Blick hinter die Kulissen - Teil eins.

Wir erleben nun schon das zweite Jahr, in dem nichts ist wie zuvor. Denn die Auswirkungen von COVID-19 sind ebenso im NLZ deutlich zu spüren und der Umgang damit eine zusätzliche Herausforderung für Anton und sein Team. Flexibilität und Gelassenheit sind gefragt – und werden geliefert. Neu dabei ist seit dem 1. Juli 2021 Duarte Rodrigues Saloio, der zudem die U14 der Eintracht trainiert und im vergangenen Jahr die U13 coachte. Der gebürtige Darmstädter, der seit seinem zweiten Lebensjahr in Frankfurt lebt, trägt die Eintracht im Herzen, auch wenn er vor seinem Engagement am Riederwald lange Jahre die Jugend des FSV Frankfurt trainierte, zuletzt die U15.

Duarte besitzt die portugiesische Staatsbürgerschaft, ist zweisprachig aufgewachsen – portugiesisch und deutsch – und kickte in seiner Jugend bei der SG Riederwald. Derzeit liegt sein Studium der Sozialen Arbeit an der Frankfurt University in den letzten Zügen – optimale Voraussetzungen also für die Arbeit im Internat, zumal derzeit neben zwei Spielern aus Portugal auch ein Spanier dort lebt. „Für mich ist es ein Traumjob, Fußball und Pädagogik bei der Eintracht zu verbinden“, erklärt er mit leuchtenden Augen, auch weil er den pädagogischen Leiter, Anton Schumacher, schon seit 13 Jahren kennt: „Damals machte ich in Grünberg meinen C- Schein, die heutige B-Lizenz, während Anton schon die nächste Stufe, die heutige DFB-Elite-Jugend-Lizenz, absolvierte. Der Kontakt ist nie abgerissen.“

Natürlich stehen die Teams und die Spieler unter einem gewissen Druck, wenn es wieder in den Ligen losgeht. Aber letztlich ist die Stimmung von Vorfreude geprägt.

Anton Schumacher

Duartes Hauptaufgaben bestehen vorwiegend aus der Betreuung und Eingliederung der portugiesischen und spanischen Spieler und in der Begleitung des Online-Unterrichts. „Als Pädagogen leisten wir vor allem Beziehungsarbeit – auch mit den Eltern der Spieler. Es schafft schon Vertrauen, wenn man auch mit den Eltern der Jungs in ihrer Heimatsprache sprechen kann. Sie geben ihre Kinder in fremde Hände, hunderte Kilometer weg von der Heimat und wollen sie natürlich in guter Obhut wissen“, schildert Duarte die konkreten Sorgen, unter denen die Familien natürlich ob der Trennung leiden – und die er ihnen zu nehmen weiß.

Ihm zur Seite steht seit vergangenem Jahr Giovanni Brandi. Der gebürtige Bad Homburger und langjährige Eintracht-Fan studierte Sport und Italienisch auf Lehramt und coachte zuvor lange die U11 und U12. Auch er begann seine Tätigkeit mitten in der Pandemie. Gemeinsam mit Duarte steht er den Spielern Tag für Tag mit Rat und Tat zur Seite. Beide sind ganz nah an den Jungs dran, während sich Anton vorwiegend um die Koordination und Organisation des Internats kümmert. Chrissoula Disch vervollständigt das Team, versorgt die Nachwuchskicker mit allem, was sie brauchen und sorgt mit ihrer liebevollen Art dafür, dass bei allem Stress auch der familiäre, der heimelige Aspekt nicht zu kurz kommt. Denn dieser ist bei allem sportlichen und schulischen Ansprüchen durchaus im Fokus. „Wir wollen den Jungs ein Gefühl von Heimat vermitteln“, bringt es Duarte auf den Punkt.

Zentraler Gedanke zur Selbsthilfe

Gleichermaßen steht bei aller Betreuung seit Jahren der Gedanke zur Selbsthilfe im Vordergrund. „Wir können und wollen den Spielern nicht alles abnehmen. Natürlich zeigen wir Wege auf, wenn es zum Beispiel vom Internat in die Stadt geht oder zum Flughafen. Wir begleiten sie, fahren auch mal mit. Aber im Vordergrund steht der Gedanke, dass sie sich selbstständig bewegen können. Es macht ja auch was mit den Jungs, wenn sie selbstsicher in Frankfurt unterwegs sind. Sie entwickeln Selbstvertrauen – auch wenn mal eine Bahn vor der Nase wegfährt. Aber im Hinblick auf die sportliche Entwicklung erwarten wir auch eine gewisse Anstrengungsbereitschaft. Das gewonnene Selbstvertrauen spiegelt sich ja letztlich auch auf dem Platz wider“, klärt Anton über die Zusammenhänge auf.

Auch wenn nicht immer alles glatt läuft. „Neulich, es regnete in Strömen, sind zwei Spieler mit der U7 in die Stadt gefahren – und wollten mit der S7 wieder zurück. Am Südbahnhof merkten sie, dass etwas falsch läuft. So zückten sie das Handy und riefen mich an. Dass es in Frankfurt sowohl eine U-Bahnlinie 7 als auch eine S-Bahn mit der Nummer 7 gibt, muss man ja auch erst mal wissen. Vor allem, wenn die Deutschkenntnisse noch in den Kinderschuhen stecken. Aber ich konnte ihnen erklären, wie sie wieder zurückkommen“, plaudert Duarte aus dem Nähkästchen. „Wichtig war, dass sie sich zu helfen wussten und das Vertrauen zu mir hatten, mich anzurufen. Am nächsten Tag haben wir viel gelacht.“ Final geht es darum, dass die Spieler verstehen, weshalb Anforderungen an sie gestellt werden. Und dazu auch das Selbstverständnis entwickeln, im Zweifel angstfrei nachzufragen.

Anton Schumacher, pädagogischer Leiter des Nachwuchsleistungszentrums.

Derzeit sind von 13 Plätzen im Internat 11 belegt, dazu kommen noch vier Spieler der U19, die in einer Zweier-WG und in zwei Einzelzimmern in Bergen Enkheim wohnen – einen Steinwurf vom Riederwald entfernt. Gerade in Zeiten, in denen das Coronavirus über allem lastet, ist die Koordination und Organisation eine große Herausforderung. Selbst die Anmeldung neuer Spieler in Frankfurt muss logistisch strukturiert werden, der Termin beim Bürgeramt punktgenau abgestimmt. Wartezeiten sind unvermeidbar. Auch die schulische Situation hat sich verändert. Wechselunterricht und die Fixierung auf die Hauptfächer sind derzeit im Blickpunkt, dazu kommt der Online-Unterricht. Dieser steht und fällt mit einer stabilen WLAN-Verbindung. Auch dafür muss nebenbei gesorgt werden.

Wie stets im Sommer befindet sich ebenso das Internat in einer Findungsphase. Spieler kommen, Spieler gehen. Pragmatische Fragen müssen geklärt werden: Sind alle angemeldet? Haben wir alle Vollmachten? Wurden die Brandschutzregeln vermittelt? Wurde die Hausordnung durchgegangen? Wie haben sich die Coronaregeln verändert? Dies klingt auf den ersten Blick simpel, bedarf aber der permanenten, vertrauensvollen Kommunikation. Dabei haben Duarte und Giova im Alltag durchaus freie Hand, sind nicht auf Anweisungen von Anton angewiesen. Gleichermaßen ist der alltägliche Austausch neben einem wöchentlichen Jour Fixe unabdingbar. Austausch, aber nicht nur intern, sondern auch mit der sportlichen oder der medizinischen Abteilung.

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